Der folgende plattdeutsche Beitrag erzählt von einem Wunschzettel.
Jan Schneeberg
Hinweis: Da auch die plattdeutsche Sprache - wie grundsätzlich jede Sprache - oft erst sinnentnehmend erschließbar wird, wurden zum besseren Verständ-nis der Sprachbildung an speziellen Stellen eine fast wörtliche Übersetzung von Teilsätzen und Begriffen innerhalb runder Klammern ( .. ) aufgezeigt.
Sprachausgabe des plattdeutschen Textes!
Start der Sprachausgabe: Mausklick auf das obige Dreieck
Dat grote Wiehnachtsbegehr
Der große Weihnachtswunsch
Jakob harr sien Buntstift in de rechte Hand, mit de ander Hand hollde heij dat Blatt fast. Heij wull ein Wunschzetel för dat Christkindje malen. Heij harr dusend Saken in de Kopp, wat heij wall hebben wull, man dat tau Papier tau brengen, was düchdeg stuur. Heij harr Krüsels vör de Kopp un was an’t sweiten.
Jakob hatte seinen Buntstift in der rechten Hand, mit der anderen Hand hielt er das Blatt fest. Er wollte einen Wunschzettel für das Christkindchen malen. Er hatte tausend Sachen im Kopf, was er wohl haben wollte, aber das zu Papier zu bringen, war sehr schwer. Er hatte Falten vor dem Kopf und schwitzte.
Heil boven stunn natürlek de Isenbahn – ut Hollt, mit ein Dampflok. All ander was Biwark, de Isenbahn stunn boven an. Man hau malt man dat? Heij versöchte dat einmal, tweemal, dreemal – man dat leip alltied miss. De Raden van de Lok wassen tau lüttjet off tau groot, de Lokführer harr neit genug Bott för de Arms un Beinen. Heij was doodstrüreg un gojerde de Bladen under de Tavel.
Ganz oben stand natürlich die Eisenbahn – aus Holz, mit einer Dampflok. Alles andere war nebensächlich, die Eisenbahn stand ganz oben. Aber wie malt man das? Er versuchte das einmal, zweimal, dreimal – aber das missglückte immer wieder. Die Räder der Lok waren zu klein oder zu groß, der Lokführer hatte nicht genug Platz für die Arme und Beine. Er war todtraurig und pfefferte die Blätter unter dem Tisch.
Sien Mauder sagg dat un namm hum in de Arm.
Seine Mutter sah das und nahm ihn in den Arm.
Jakob vertellde, dat heij sien Begehr neit tau Papier brengen kunn. Mauder meinde, dat Christkindje kunn wiss raden, wat heij malt harr. Dat was alltied so west. „Heil wiss!“ see Mauder. „Dat Christkindje kann up de Bildjes mehr seihn as du un ik!“
Jakob erzählte, dass er sein Begehren nicht zu Papier bringen konnte. Mutter meinte, das Christkindchen könnte bestimmt raten, was er gemalt hatte. Das sei immer so gewesen. „Ganz bestimmt“, sagte Mutter. „Das Christkindchen kann auf den Bildern mehr sehen als du und ich!“
Jakob was neit so overtügt. Mauder harr noch ein ander Infall:“ Jakob, weist du wat? Ik hebb hört, as man heil fast daran denkt, wat under de Wiehnachtsboom liggen sall, dann weit dat Christkindje dat uk. Verseuk dat doch!“
Jakob war nicht so überzeugt. Mutter hatte noch einen anderen Einfall. „Jakob, weißt du was? Ich habe gehört, wenn man ganz fest daran denkt, was unter dem Weihnachtsbaum liegen soll, dann weiß das Christkindchen das auch. Versuch das doch!“
Gaud, hett Jakob docht, man so heil mit leege Handen daar stahn, dat wull heij doch neit. In de Kindergarten harr man hum bibrocht, hau man ein Steern malen kunn un dat hett heij alltied gaud henkregen. So hett heij dann ein grote Steern malt, utsneden un up de Fensterbank leggt.
Gut, dachte Jakob, aber mit ganz leeren Händen da stehen, das wollte er doch nicht. Im Kindergarten hatte man ihm beigebracht, wie man einen Stern malen konnte, und das hatte er immer gut hinbekommen. So hat er dann einen großen Stern gemalt, ausgeschnitten und auf die Fensterbank gelegt.
In de koomende Tied hett heij alltied an sien Isenbahn ut Hollt docht. Off dat Christkindje dat wall so begrepen harr? An de Wiehnachtsavend was sien Hart düchdeg an puckern. As dat Klockje an bimmeln was un de Dör na de Wohnkamer open gung: Wat stunn daar under de Wiehnachtsboom – ein Holtisenbahn! Nettekraat so eine, as Jakob sück dat docht harr. Mit ein Dampflok, ein Lokführer mit Arms un Beinen un ein Pett up.
In der kommenden Zeit hat er immer an seine Eisenbahn aus Holz gedacht. Ob das Christkindchen das wohl so begriffen hatte? Am Weihnachtsabend klopfte sein Herz sehr stark. Als das Glöckchen bimmelte und die Tür zum Wohnzimmer sich öffnete: Was stand da unter dem Weihnachtsbaum – eine Holzeisenbahn! Genau so eine, wie Jakob sich das gedacht hatte. Mit einer Dampflok, ein Lokführer mit Armen und Beinen und einer Mütze.
Jakob was bliede. Un as heij begünnde tau spölen, see heij sacht: wees bedankt, Christkindje!
Jakob war froh. Und als er begann zu spielen, sagte er leise: „sei bedankt, Christkindchen!“